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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis (28.6.2020) von Lektor Roland Brenner

28.6.2020 3. Sonntag nach Trinitatis

Wochenspruch: "Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist."

Evangelium:

 

15 1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

 

2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

11 Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben

15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.

16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!

18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.

19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.

Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße

23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!

24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen

26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.

27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.

28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre.

30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.

32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

 

 

 

Predigttext: Micha 7, 18 - 20

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

 

Als meine Kinder noch klein waren, haben wir gerne im Wald mit ihnen ein Suchspiel veranstaltet. Ich bin vorausgegangen und habe die „Spur“ gelegt – kleine Zettelchen mit gereimten Hinweisen, an welchen den Kindern vertrauten Stellen die Suche beginnen oder weitergehen sollte (das größte Problem dabei war meistens, meine Handschrift zu entziffern). Dann gab es Hinweise mit Material, das ich im Wald gefunden habe – Zweige oder Tannenzapfen, die zu Pfeilen zusammengelegt wurden, aber in der natürlichen Umgebung des Waldes nicht immer leicht zu finden waren. Oder mit Straßenmalkreiden auf die Rinde von Bäumen oder auf Steine gemalte Pfeile. Unterwegs gab es schon das eine oder andere kleine Geschenk zu suchen – Naschereien oder Ähnliches, um die Kinder bei Laune zu halten. Und dann am Ende das Hauptgeschenk, zum Beispiel ein Comicheft, das es dann zwischen Felsen oder Bäumen zu suchen galt, als krönender Abschluss der Suche. Während der ganzen „Schnitzeljagd“ hat sich die Spannung aufgebaut: Wo – in welchem Abschnitt des Waldes – wird die Suche ihr Ende finden? Was verbirgt sich dort? Und wo genau ist das Geschenk dann schließlich zu finden?

So ein krönender Abschluss ist auch unser heutiger Predigttext. Man fühlt sich richtig am Ende einer langen, beschwerlichen, oft in die Irre führenden Suche, die schließlich zu einem überwältigenden Geschenk führt – dem Geschenk der Gnade, sodass der Finder nur begeistert ausrufen kann: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind!“

Wenn man den Text allzu oberflächlich liest, könnte er dazu verleiten, von einer billigen Gnade auszugehen, die einfach leichthin alle Schuld unter den Teppich kehrt, ja noch besser, in die Tiefen des Meeres wirft. Alles vergeben und vergessen, alles paletti, war ja gar nicht so schlimm.

Aber das wird dem Text in seiner Tiefe, in seiner Stellung im Buch des Propheten Micha, in seinem geschichtlichen Zusammenhang, und im Gesamtzeugnis der Bibel nicht gerecht.

Wir wollen uns deshalb einmal zunächst anschauen, wer der Prophet Micha ist, in welche Situation er hineinredet, und was er sonst zu sagen hat.

1) Hintergrund

Micha stammt aus einem Ort namens Moreschet (1, 1); in 1,14 wird der Ort „Moreschet-Gat“ genannt. Der Ortsname bedeutet an sich „Besitz“, mit der Beifügung „Gat“ wird daraus ein Besitz der Philisterstadt Gat. Schon da zeigt sich: Micha verwendet gern Wortspiele, und eine poetische Sprache.

Zeitlich ist der Prophet eingeordnet bei den Königen Jotam, Ahas und Hiskia von Juda.

Jotam wird in 2. Chronik 27 ein gutes Zeugnis ausgestellt. Er wandelt in den Wegen Gottes – das Volk allerdings nicht. Er selbst lässt ein Tor am Tempel errichten, sowie diverse Festungsanlagen im ganzen Reich, und besiegt die Ammoniter. Die Bevölkerung hat allerdings vom Reich Israel und diversen Völkern aus der Nachbarschaft den Götzendienst übernommen, und hält daran fest.

König Ahas schließt sich diesem allgemeinen Trend an, fällt von Gott ab, lässt den Tempel schließen – und gerät militärisch in Bedrängnis durch ein Bündnis des Reiches Israel mit den Aramäern, also in etwa dem heutigen Syrien, mit Damaskus als Hauptstadt. Städte im Süden des Reiches fallen an die Philister - darauf spielt wohl die Bezeichnung des Herkunftsortes des Propheten als „Moreschet-Gat“, als Besitz der Philister, an. Ahas ruft die Assyrer zu Hilfe, die aber eher zur Bedrohung werden, er muss den Tempelschatz und die Mittel des Königs plündern, um Tribut zahlen zu können (2. Chronik 28).

Hiskias Regentschaft ist zwiespältig; grundsätzlich positiv, er stellt den Gottesdienst und den Tempel wieder her, führt die Feiertage wieder ein. Unter seiner Herrschaft wird Jerusalem von den Assyrern belagert, die aber unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Danach erkrankt Hiskia schwer, ein Prophet kündigt seinen baldigen Tod an, er betet, und wird geheilt. In weiterer Folge wird er jedoch überheblich, zeigt den Abgesandten Babylons – der neuen aufstrebenden Großmacht – seine Schätze, und weckt damit deren Begierde. Er bekehrt sich schließlich zwar wieder, das angekündigte Gericht kommt nicht mehr zu seinen Lebzeiten – aber es ist dennoch schon beschlossen.

Auch der Prophet Micha kündigt Gericht an – über Israel, und über Juda. Das Gericht über Israel wird während der Regierungszeit von Ahas schon schreckliche Wirklichkeit, das Nordreich Israel wird von den Assyrern erobert und zerstört. Micha prangert neben Götzendienst vor allem auch soziales Unrecht an, Reiche und Mächtige, die sich auf Kosten der armen Bevölkerung nur immer weiter bereichern, Korruption – bei manchen Stellen könnte man meinen, aktuelle Zeitungsberichte aus unseren Tagen wären Grundlage dessen, was Micha schreibt. So viel dazu, dass man meint, ein fast 3000 Jahre altes Prophetenwort hätte heute keine Bedeutung mehr. Die Menschen, ihre Fehler und Schwächen, ändern sich auch im Verlauf der Geschichte nicht. Daher bleiben die Worte, die Unrecht anprangern genau so aktuell, wie die, die darauf hinweisen, dass der Mensch auf Gnade angewiesen ist – und wie er die Gnade bekommen kann.

Der Gottesdienst im Tempel wurde unter Hiskia wieder hergestellt, die Priester und Leviten wieder eingesetzt – der „rechte Gottesdienst“, das rechte Opfer vor Gott ist aber: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott (6, 8).

Micha kündigt eine Zeit künftigen Heils an, ein Friedensreich, in dem Schwerter zu Pflugscharen werden (4, 3) – nicht umgekehrt, wie das in Kriegszeiten oft geschieht, wo man in jüngerer Zeit Kirchenglocken eingeschmolzen hat, um Kanonen daraus zu machen. Micha kündigt auch Bethlehem als Geburtsort des künftigen Heilsbringers an (5, 1). Während das Gericht den Reichen und Mächtigen gilt, wird Gnade den Verstoßenen und Lahmen angekündigt (4, 6ff)  – also gerade denen, die nichts gelten, den Bettlern, die auf Gnade angewiesen sind, denen, denen man aus dem Weg geht.

Die Gnade und Barmherzigkeit, die Micha ankündigt, ist kein billiges „Alles wieder gut, war ja gar nicht so schlimm“. Es war schlimm – und es hatte schon vor der einsetzenden Gnade furchtbare Folgen für Israel und Juda. Beide Reiche wurden zerstört, und der Großteil der Bevölkerung, alle Vornehmen, Kriegsleute und Handwerker, wurde verschleppt. Im Land blieb tatsächlich nur ein kleiner Rest der untersten Bevölkerungsschichten – Bauern und Weingärtner, die man zurückließ, damit das Land nicht gänzlich verödete. Manche hatten noch die Flucht nach Ägypten angetreten. Die Gnade gilt denen, „die geblieben sind als Rest deines Erbteils“. Der Zorn Gottes ist für alle anderen furchtbare Realität geworden.

Auch dieser kleine Rest ist nicht schuldlos geblieben – auch sie bedürfen der Gnade, sonst müsste ihnen Gott ja keine Schuld erlassen.

2) Die Gnade Gottes hat ihren Grund in Gottes Zusagen

Gott zürnt nicht ewig – er hält aber ewig fest an den Verheißungen, die er gegeben hat (V. 20). Die Gnade hat einen Grund – nämlich in der Zusage Gottes an sein Volk, in dem Bund, den er mit ihnen geschlossen hat.

Israel und Juda haben ihren Teil des Bundes nicht eingehalten. Mose legt ihnen Segen und Fluch vor – Segen, wenn sie sich treu an den Bund mit Gott halten, Fluch, wenn sie dem Bund untreu werden und anderen Göttern anhängen. So kommt es zum Bundesschluss vor dem Einzug des Volkes in das verheißene Land (5. M. 26, 16 bis 30, 20).

Schon dort wird freilich vorhergesehen, dass das Volk seinen Teil nicht erfüllen wird, dass das Volk zerstreut werden wird unter andere Völker – aber wieder Gnade finden wird, wenn sie sich zum Herrn bekehren.

Nochmals gibt es einen großen Bundesschluss nach der Eroberung des verheißenen Landes, unter Moses Nachfolger Josua in Sichem (Josua 24). Josua legt dem Volk nochmals Gottes Regeln, seine Verheißungen, aber auch die Gerichtsandrohungen, vor, und gibt ihnen die Wahl, ob sie Gott folgen wollen oder nicht. „Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ (V. 15), richtet er ihnen aus - und das Volk beteuert, diesem Beispiel folgen zu wollen.

Micha nimmt direkt Bezug auf das Geschehen des Auszuges Israels aus Ägypten, wenn er davon schreibt, dass das Volk in der Zeit der Gnade von Assur und den Städten Agyptens zurückkommen soll (7, 12) und darum bittet: „Lass uns Wunder sehen wie zur Zeit, als du aus Ägyptenland zogst“ (V. 15), genau das Geschehen, das zum Bundesschluss unter Mose und Josua führte.

Aber die Zusagen werden nicht eingehalten. Das Reich zerfällt in zwei Reiche, Juda und Israel. Aus politischem Kalkül – weil die Könige Israels fürchten, durch den Tempelgottesdienst in Jerusalem könnte doch so etwas wie eine Oberhoheit des Reiches Juda bestehen bleiben – wird ein eigener, von heidnischen Vorbildern geprägter Kult eingeführt. Schließlich finden immer mehr heidnische Kulte Eingang, zunächst in Israel, dann auch in Juda. Genau das prangert der Prophet Micha an.

Das Volk hat seine Zusage nicht eingehalten – deshalb kommt das Gericht, das genau für diesen Fall schon beim Bundesschluss angekündigt wird. Aber Gottes Zusage an sein Volk ist größer, sie geht weiter zurück als der Bundesschluss während der Wüstenwanderung und nach der Landnahme. Sie geht zurück auf die Zusagen Gottes an Jakob und Abraham, und hat ewig Bestand. Deshalb kann Gnade angekündigt werden, auch wenn das Volk untreu geworden ist. Gott bleibt sich selbst treu.

Auch die Gnade, die uns verheißen ist, hat ihre Ursache nicht in unserer Treue und unseren Versprechen, sondern in der Verheißung Gottes, in dem neuen Bund, den er in Christus aufgerichtet hat, in dem Blut, das er für uns am Kreuz vergossen hat. Es ist schon deshalb keine billige Gnade – sie hat nicht mehr und nicht weniger als Christi Opfertod gekostet.

Johannes schreibt in seinem 1. Brief: Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1, 7 – 10).

Darauf steht die Gnade – auf seiner Treue und Gerechtigkeit!

3)  Gnade ist eine ernste Sache

Der Predigttext ist nur der krönende Abschluss eines Abschnittes, der in Vers 8 beginnt, und künftiges Heil für Gottes Volk ankündigt. Darin enthalten ist auch eine ernste Mahnung an die, die jetzt über sein Volk triumphieren, und eine Warnung vor Hochmut.

Im Moment des Sieges jubeln die Feinde, verhöhnen und verspotten Israel – gerade auch um seines Glaubens an seinen Gott willen.

V. 10: Meine Feindin wird‘s sehen müssen und in Schande dastehen, die jetzt zu mir sagt: Wo ist er, der Herr, dein Gott?

Das greift  die Verhöhnung durch die Heerführer der Assyrer während der Belagerung Jerusalems (in 2. Kg. 33b bis 35 )auf. In Hebräisch – damit es die einfache Bevölkerung auch ja versteht – ruft er auf die Stadtmauer hinauf: „Hört nicht auf Hiskia, denn er verführt euch, wenn er spricht: Der HERR wird uns erretten. Hat auch nur einer der Götter der anderen Völker sein Land errettet aus der Hand des Königs von Assyrien? Wo sind die Götter von Hamat und Arpad? Wo sind die Götter von Sefarwajim, Hena und Awa? Haben sie Samaria errettet aus meiner Hand? Wo ist ein Gott unter den Göttern aller Länder, der sein Land aus meiner Hand errettet hätte, dass der HERR Jerusalem aus meiner Hand erretten sollte?“

Nun, Juda wurde aus der Hand der Assyrer gerettet – sie mussten tatsächlich abziehen, ohne Jerusalem einnehmen zu können.

Micha wendet dieses „Wo ist ein Gott“ in ein „Wo ist solch ein Gott, der Gnade übt?“

Gleichzeitig steckt darin ein Wortspiel mit dem eigenen Namen des Propheten: Micha, ode vollständiger: Michaias – das heißt: „Wer ist wie Jahwe?“ Mit der Formulierung „wo ist solch ein Gott“ wird gleichzeitig die Frage nach dem Wesen Gottes, danach wie er ist, beantwortet: ein Gott der Gnade und Barmherzigkeit.

Und dennoch heißt es im Vers unmittelbar vor dem Predigtabschnitt, dass die Feinde, die Gott und sein Volk vorher verhöhnt haben, angesichts des begnadigten und neu erstarkten Volkes Gottes „zitternd aus ihren Verstecken hervorkommen“ und „sich ängstlich nähern“ sollen.

Das erinnert an das Wort aus Psalm 130, 4: „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“

Wenn jemand schuldig vor dem Richter steht, ändert es nichts, ob er den Richter fürchtet, ihn ehrerbietig behandelt, oder nicht. Der Richter hat keine Wahl – er muss nach dem Gesetz verurteilen, ob ihm der Angeklagte jetzt sympathisch ist oder nicht.

Zu fürchten – ihm Sinne von: ihm ehrerbietig gegenüberzutreten – ist der, der das Recht hat, Gnade zu gewähren. Niemand hat ein Recht auf Gnade. Das Recht liegt allein bei dem, der die Gnade gibt. Gnade kann gewährt werden. Sie ist unverdient.

Gottes Gnade ist nicht leichthin als selbstverständlich anzunehmen. Dem, der Gnade gibt, ist die gebührende Ehre entgegenzubringen. Und das geschieht nicht, indem man die Gnade einfach oberflächlich als „sein gutes Recht“ in Anspruch nimmt, und weitermacht wie bisher.

In Vers 9 heißt es: „Ich will des HERRN Zorn tragen – denn ich habe wider ihn gesündigt -, bis er meinen Rechtsstreit führe und mir Recht schaffe. Er wird mich ans Licht bringen, dass ich meine Freude an seiner Gerechtigkeit habe.“

Die Gnade geht einher mit einer Veränderung des eigenen Denkens und Handelns, dass seine Gerechtigkeit, die Erfüllung dessen, was Gott will - „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (6, 8) -, zur Freude wird.

Wenn meine Kinder bei ihrer Schatzsuche im Wald einmal einen Hinweis falsch gedeutet haben und in die falsche Richtung gelaufen sind, dann half nur eines: zurück zum letzten sicheren Hinweis, den man gefunden hatte, und dort von neuem schauen, wo der Pfeil hinzeigt.

So ähnlich ist das auch, wenn Gott uns zur Umkehr auffordert. Erkenne, dass du vom Weg Gottes abgewichen bist, gesteh es dir selbst ein, dass du falsch liegst, und laufe nicht immer weiter in die falsche Richtung. Das ist es, was uns das Wort aus dem 1. Johannesbrief sagen will: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Kehre um, bring es vor Gott, bitte ihn um Vergebung.

Der verlorene Sohn musste auch erst einsehen, dass sein Weg ins Verderben führt, und „sich aufmachen und zu seinem Vater gehen“, das heißt, den Weg zurückgehen, der ihn vom Vater weggeführt hatte. Dann aber findet er bei seinem Vater offene Arme vor, weit über seine Erwartungen hinaus. Er hatte erwartet, dort wenigstens als Tagelöhner ein kärgliches, aber immerhin ausreichendes Leben führen zu können. Stattdessen wird er als Sohn wieder aufgenommen, und er wird mit einem Fest wieder willkommen geheißen.

Wo ist solch ein Gott, der Gefallen an Gnade findet, unsere Sünde vergessen und vergeben will, wenn wir uns nur ihm zuwenden!